Das Camminer Domkapitel

Kürzlich wurden durch das Staatsarchiv Stettin die rund 1600 Akteneinheiten des Archivs des Camminer Domkapitels im Netz als Digitalisate verfügbar gemacht. Das Archiv gelangte nach der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzogenen Säkularisierung des Domkapitels nach Stettin, kam nach seiner kriegsbedingten Auslagerung nach 1945 ins Landesarchiv Greifswald und wurde 1962 im Rahmen des Archivalienaustausches zwischen der DDR und Polen nach Stettin zurückgeführt. Die Akten umfassen den Zeitraum von 1401 bis 1838 und nehmen 17,55 lfd. m ein. Sie sind durch ein im Archiv zugängliches Findbuch erschlossen und unter der Signatur: Rep. 69, Nr. 09 zu finden.

Schleffin

Einwohnertabelle von 1722 von Schleffin, Kr. Greifenberg

Die aktuelle Internetadresse lautet: http://www.szczecin.ap.gov.pl/iCmsModuleArchPublic/showDocuments/nrap/65/nrzesp/9.

Die Titel der einzelnen Akteneinheiten sind meist wenig aussagekräftig und häufig in lateinischer Sprache verfasst. Aktendeckel mit weiteren Angaben fehlen fast durchgängig. Damit ist eine zielgerichtete Suche sehr erschwert. Eine grobe inhaltliche Übersicht findet sich im Archivführer für Stettin unter

http://www.bkge.de/archiv-stettin.php?register=494 .

Erste stichprobenartige Überprüfungen der Inhalte einzelner Akten zeigten, dass das Domarchiv für die Familien- und Ortsgeschichtsforschung eine bisher weitgehend unerschlossene Quelle darstellt. Das betrifft insbesondere die Zeiträume vor 1800, für die nur wenige Kirchenbücher vorliegen.

So finden sich umfangreiche Seelenlisten einzelner, die zur Erhebung von Steuern angelegt wurden. Diese beginnen bereits im 15. Jahrhundert und enden um 1812. Neben den Namen der Familienvorstände finden sich häufig auch Daten zu weiteren Angehörigen und natürlich zum Eigentum und den daraus resultierenden Abgaben.

Um Hinweise zu betroffenen Orten und Zeiträumen zu geben, wird nachfolgend ein kurzer Abriss der Geschichte des Domkapitels präsentiert.

Klein Justin

Seelenliste von 1808 für die Erfassung von Futtervorräten 1808 für Klein-Justin, Kr. Cammin

Die Stadt Cammin war Sitz pommerscher Fürsten und seit 1175 auch der pommerschen Bischöfe. Herzog Casimir stiftete das Domkapitel und beschenkte dieses mit einer Reihe von Dörfern. Es hat seinen Ursprung in der Errichtung des pommerschen Bistums mit Sitz in Wollin durch den Bischof Otto von Bamberg. Nachdem Wollin 1175 durch den Dänenkönig Woldemar zerstört worden war, erteilte Papst Clemens III. die Genehmigung der Verlagerung des Bischofssitzes nach Cammin. Gleichzeitig wurde mit dem Bau der dem Heiligen Johannes geweihten Bischofskathedrale, dem Camminer Dom, begonnen.

Das Kapitel bestand aus einer Anzahl von Geistlichen, welche dem Bischof zu Seite standen und auch an seiner Wahl beteiligt waren. Die wichtigsten Stellen hatten der Präpositus (Domprobst und somit politischer Oberherr), der Dekanus (geistlicher Oberherr), der Vicedominus (Vertreter des Bischofs bei dessen Abwesenheit oder Ableben), der Thesaurarius (Schatzmeister und Behüter des Kircheninventars), der Kantor (Leiter der Zeremonien und Gesänge) und der Scholastikus (Schulmeister und Leiter der Domschule) inne. Zur Residenz bei der Domkirche waren der Dekanus, der Thesaurarius, der Kantor und der Scholastikus verpflichtet. Weitere Domherren (Prälaten) ergänzten die Verwaltung und ihre Gesamtzahl betrug einschließlich des Bischofs 24. Sie wurden wegen ihrer „Verdienste“ von den Landesherren eingesetzt und waren wohl teilweise niemals in Cammin anwesend. Man sprach davon, dass das Domkapitel eine Versorgungsanstalt für verdiente Staatsmänner und Hofbeamte war.

Verschiedene pommersche Herzöge beschenkten das Domkapitel mit einer Anzahl von Bauerndörfern in den späteren Kreisen Cammin, Greifenberg und Pyritz., so dass das Kapitel zeitweise ein Sechstel des bewirtschafteten Landes in Pommern zu seinem Eigentum zählen konnte. Um 1800 gehörten zum Besitz die Vorwerke Revenow und Jedde, die 23 Dörfer Soltin, Grabow, Granzow, Stresow, Ramsberg, Lüchenthin, Kahlen, Jassow, Revenow, Cöselitz, Scharchow, Polchow, Gristow (alle ab 1818 im Kreis Cammin), Ninikow, Schleffin, Rewahl, Groß-Horst, Klein-Horst, Lensin, Neklatz, Zicker (alle ab 1818 im Kreis Greifenberg) sowie Damnitz und Lettnin (ab 1818 im Kreis Pyritz). Weiterhin ein Bauernhof in Brietzig (Pyritz), der Freischulzenhof in Raddack und der Schulzenhof in Cöselitz (beide Cammin). Das betraf insgesamt 558 Feurstellen, 5 Vorwerkspächter, 12 Frei- und Lehnschulzen, 132 Bauern, 48 Halbbauern, 44 Kossäthen, 61 Büdner, 12 Müller, 36 Fischer, d.h. insgesamt 3432 Seelen

Unmittelbar an die Stadt Cammin angrenzend waren im Kapitelsbesitz der Dombezirk mit den darin befindlichen Kurien (Wohnplätze der Domherren), dem Fräuleinstift und der Domkirche mit insgesamt 20 Feuerstellen. Weiterhin waren im Kapitelseigentum die Kapitelswiek mit 69 Häusern, 77 Wirten und umfangreichen Äckern und Wiesen sowie eine Ziegelei. Das Domkapitel hatte seine eigene Gerichtsbarkeit.

Außer den genannten Kapitelsdörfern gab es noch eine Reihe zur Domprobstei Kucklow vereinten Dörfern (Büssenthin, Stäwen und Woistenthin), die seit dem Ende des 16. Jahrhunderts vom jeweiligen Probst selbst verwaltet wurden und alle im späteren Kreis Cammin lagen. Ursprünglich befand sich dieser Besitz auf der Insel Wollin, wurde jedoch 1578 von Herzog Johann Friedrich gegen Ortschaften rechts der Dievenow eingetauscht.

Die Einkünfte des Domkapitels wurden fast ausschließlich in der krisenunabhängigen Währung Getreide berechnet (Kornhebungen). Weiterhin waren Spanndienste zu leisten und im Kriegsfalle Soldaten und Pferde bereitgestellt werden.

Sowohl Domprobstei als auch Domkapitel hatten jeweils den Status eines selbstständigen Kreises im Herzogtum Pommern.

Gristow

Kornhebung 1747 für das Kapitelsdorf Gristow, Kr. Cammin

Der nach der Reformation 1533 zu Treptow tagende pommersche Landtag beschloss Bischof und Domkapitel in Stand und Besitz zu belassen. In den folgenden Jahren nahmen evangelische Prediger ihre Tätigkeit in Cammin auf. Das Bischofsamt wurde bald nur noch von Mitgliedern des Herzogshauses wahrgenommen. Der letzte Titularbischof war Ernst Bogislaw von Croy, der 1650 mit dem Großen Kurfürsten neue vertragliche Regelungen aushandelte.

1810/11 sah sich das verarmte Preußen veranlasst, die grundherrlichen Rechte des Domkapitels aufzuheben und alle Einkünfte in die Staatskasse fließen zu lassen. Gleichzeitig übernahm der König das Patronat über Kirchen und Schulen. Das Eigentum des Kapitels wurde eingezogen und veräußert, die verbliebenen Prälaten wurden entschädigt. Dieser an sich 1817 angeschlossen Prozess zog sich wegen verschiedener Streitigkeiten noch bis in die 1830er Jahre hin.

Hans-Dieter Wallschläger

 

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  1. Einwohnertabelle von 1722 von Schleffin, Kr. Greifenberg
  1. Kornhebung 1747 für das Kapitelsdorf Gristow, Kr. Cammin
  1. Seelenliste von 1808 für die Erfassung von Futtervorräten 1808 für Klein-Justin, Kr. Cammin

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