Heinrich von Stephan

Der berühmte Stolper Generalpostmeister Heinrich von Stephan verstarb am 8. April 1897 in Berlin. Auch nach 120 Jahren wird noch an ihn gedacht: Schulen und Strassen sind nach ihm benannt, er ist Ehrenbürger in etlichen Städten und die Zahl der Briefmarken mit seinem Porträt ist groß. Seine Grabstätte in Berlin ist ein Ehrengrab der Stadt Berlin. Wenn sie mehr über ihn lesen wollen: seine Biographie von Elisabeth Krickebeck Dresden 1897 steht online und auch im Artikel bei den Stolper Heimatkreisen finden sie weitere Hinweise.

Grabmal von Stephan

Grab von Heinrich von Stephan in Berlin, Friedhöfe vor dem Halleschen Tor. Die lebensgroße Trauernde in Marmor wurde von dem Bildhauer Joseph Uphues geschaffen Bild von Mutter Erde (Eigenes Werk) , via Wikimedia Commons

Wir veröffentlichen als Erinnerung die Ahnentafel, die Walter Eylert 1931 anlässlich des 100. Geburtstages veröffentlicht hat . Ihm standen damals noch die Stolper Kirchenbücher zur Verfügung, die später weitestgehend durch Kriegseinwirkungen zerstört wurden. (Dr. jur Walter Eylert, geb. 2.5. 1890 in Zeitz/Sachsen, verstorben in Berlin im April 1945, betrieb in seiner pommerschen Wahlheimat, wo er zuletzt Ratsherr war, genealogische und heraldische Forschungen, die ihn weit über Pommern hinaus bekannt machten. Er veranlasste die Kartei-Bearbeitung der Stolper Kirchenbücher. Leider fiel sowohl diese Kartei als auch seine umfangreiche Sammlung an Literatur, Manuskripten und Quellen dem Krieg zum Opfer.)

Ahnentafel des Generalpostmeisters (Staatssekretärs) Heinrich von Stephan.

Von Stadtrat Dr. Eylert, Stolp.
Anläßlich des 100. Geburtstages Heinrich von Stephans

Herausgegeben von der Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte e. V. Leipzig 1931 als Band 1 in der Reihe „Ahnentafeln berühmter Deutscher“

Abschrift (Klaus-Peter Kohlhas)

Heinrich Stephan 1855

Heinrich Stephan 1855
By Fotografie von Schuhmann & Sohn, Karlsruhe 1855 [Public domain], via Wikimedia Commons

Stephan wurde in Stolp – damals einer kleinen Landstadt – am 7. Januar 1831 als das siebente von 10 Kindern eines Schneidermeisters geboren, trat dort 1848 als Postschreiber ein, wurde 1855 Postsekretär, 1858 Postrat und 1870, also mit 39 Jahren, Generalpostmeister des Norddeutschen Bundes.

Die Ungewöhnlichkeit dieser Laufbahn hat schon früh Aufsehen erregt. Ihre Ursachen liegen offenbar, soweit das mir vorliegende biographische Material Schlüsse zuläßt, in einer selten vor­kommenden Verbindung von hervorragender fachlicher Tüchtigkeit mit ebenso hervorragenden gesellschaftlichen Talenten, beides wohl zurückgehend auf eine ganz ungewöhnliche Anpassungsfä­higkeit und Wendigkeit des Geistes.

Stephans bevorstehender hundertster Geburtstag hat mich vor etwa einem Jahr angeregt nachzuforschen, wie weit diese Eigenschaften in ihm sich als Ahnenerbe nachweisen lassen. Ich muß bekennen, daß ich das gesteckte Ziel nicht in der noch vorhandenen kurzen Zeit habe erreichen können, aber die Ergebnisse sind doch so wertvoll und interessant, daß sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können.
Allem Anschein nach war der bedeutendere Teil von Stephans Eltern der Vater; wenigstens hat Stephan selbst nach dieser Tradition seiner Familie öfter dieser Auffassung Ausdruck gegeben. In der Tat läßt auch die eigene Laufbahn des Vaters und seine Art, mit der Welt fertig zu werden, eine gewisse Verwandtschaft mit der Art seines großen Sohnes erkennen. Ernst Friedrich Stephan wurde am 16.IV.1792 als das dritte von 4 Kindern – die anderen 3 starben als Kinder – des Husarenunteroffiziers Friedrich Stephan(y) und der Justina Christine Rach geboren. Der Vater war lutherisch, die Mutter reformiert, er selber wurde reformiert getauft. 1806 wurde er als Lehrling des Meisters Boseck in die Lehrlingsrolle der Schneiderinnung zu Stolp eingeschrieben, 1810 freigesprochen, 1818 wurde er Meister und Bürger und heiratete am 4.XI.1819 Marie Luise Weber, eine Lutheranerin; die Trauung wurde aber reformiert vollzogen, auch wurden alle Kinder  reformiert getauft. Sein Schneiderhandwerk betrieb er in mittlerem Umfang; er hatte von 1820-1840 durchschnittlich immer 2, manchmal 3 Lehrlinge. Aber er war nicht der Mann, sich damit zu begnügen. 1821 kaufte er ein Haus (heute Holstentorstraße 30, wo der Generalpostmeister geboren ist) für 1300 Taler und verkaufte es 1840 für 1800 Taler. In denselben Tagen kaufte er ein anderes Haus in der Paradiesstraße in Stolp, und zwar eine Schankwirtschaft, für 3000 Taler, betrieb dort bis 1848 die ″Tabagie″, verkaufte das Haus 1848 für 7000 Taler und setzte sich daraufhin zur Ruhe.

Geburtshaus in der Holstenstr. in Sto

Geburtshaus in der Holstenstr. in Stolp Quelle Turystyka w Słupsku

Man wird ihm zugestehen müssen, daß er mindestens in Grundstücksgeschäften keine ungeschickte Hand gehabt hat. Er beteiligte sich auch in der Verwaltung der Stadt. 1824 wurde er Stadtverordneter, blieb es bis 1827 und war es nochmals von 1830 bis 1833. 1836 wurde er gar zum unbesoldeten Ratsherrn auf 6 Jahre gewählt. Daneben war er bis zu seinem Tode Presbyter seiner Gemeinde. Er starb am 8. März 1860 an Lungenlähmung.

Seine Frau ist offenbar in der Ehe hinter ihm ganz zurückgetreten. Selbst Nachkommen, die sie noch gekannt haben, vermögen kaum noch etwas über sie zu berichten. Auch Stephan selbst erwähnte sie nur einmal in seiner Festrede bei der Einweihung des Stolper Postamtes als ″meine gute Mutter, wie sie vor dem mächtigen altertümlichen Schrank wirtschaftet in der schimmernden Wolle und in dem schneeigen Leinen …″ Sie war ursprünglich lutherisch, ging aber zur Konfession ihres Mannes, zur reformierten, über. Sie war als uneheliches Kind um 1794 geboren, wahrscheinlich in Köslin; ihr Vater ist unbekannt. Ihrem vorzüglichen Wirtschaftstalent wird man wohl hauptsächlich die ungewöhnliche Wertsteigerung der Tabagie zuschreiben dürfen. Von ihren 10 (11) Kindern überlebten sie nur 5. Sie starb am 27.XI. 1869 an Altersschwäche.

Ihre Mutter Marie Sophie Weber war in Köslin am 23.II.1775 als Tochter des Böttchermeisters Christian Weber und der Elisabeth Voß geboren. Als ihre uneheliche Tochter 7 Jahre alt war, heiratete sie, am 17.II.1801, den Blücherhusaren-Unteroffizier Carl Philipp Doering, einen Witwer, und zog mit ihm und der Tochter nach Stolp; aus dieser Ehe hatte sie 3 Kinder, von denen sich 2 als Erwachsene nachweisen lassen (Wilhelmine als Patin bei Wilhelmine Stephan 1814 und Carl Albert Julius als Färbergeselle und Berliner Neubürger 1831). 1806 wurde Doering verabschiedet, war eine zeitlang Arbeitsmann, wurde dann Torschreiber am Schmiedetor in Stolp und starb 1816. Marie Sophie Weber heiratete wieder, und zwar abermals einen Witwer, den Sattlermeister Johann Georg Heberle in Stolp, 1817. Auch ihn überlebte sie und starb am 21.IX.1830 an Unterleibsentzündung.

Der Konfession nach war sie lutherisch.

Sie war die zweitälteste Tochter ihrer Eltern, dem Böttchermeister Johann Christian Weber (* um 1721, + Köslin 8.IV.1818) und der Maria (Dorothea) Elisabeth Voß (* 16.III.1735, + Köslin 10.V.1789); insgesamt lassen sich 7 Kinder (3 Söhne und 4 Töchter) nachweisen, von denen sich – außer Marie Sophie – ein Sohn später als Böttchermeister und eine Tochter als Frau eines Kürschnermeisters wiederfinden; die jüngste Tochter Marie Charlotte (* 1778) fällt dadurch auf, daß sie 1798 und 1800 je ein uneheliches Kind hat. Sonst hält sich die Familie, wie auch die Paten der Kinder ihrem Stande nach aufweisen, in dem Rahmen, in den sie hineingeboren war. Christian Weber selbst war offenbar von außerhalb zugewandert, wie schon seine (ursprünglich wenigstens) katholische Konfession zeigt; dagegen stammte Elisabeth Voß aus Köslin; sie war die Tochter des Tagelöhners Peter Voß und der Maria Scharding, von denen ich aber bis jetzt weiteres nicht berichten kann. Bemerkenswert ist die unverwüstliche Lebenskraft, die Christian Weber anscheinend hatte; mit mehr als 80 Jahren heiratete er zum (mindestens) dritten Male und starb mit mehr als 97 Jahren. Vielleicht ist die viel bewunderte Unverwüstlichkeit des Generalpostmeisters ein Erbteil von dieser Seite, hätte dann allerdings die dazwischen liegenden 2 Frauen-Generationen übersprungen. – Es ist zu hoffen, daß sich über Stephans Vorfahren von der Mutterseite das Bild noch wesentlich ergänzen lassen wird, denn fast alles Vorstehende habe ich erst gefunden, als diese Abhandlung bereits im Druck war, und zwar durch reinen Zufall, während alles systematische Forschen vergebens gewesen war.

Etwas mehr hat sich über Stephans Vorfahren väterlicherseits ermitteln lassen. Der Großvater war der Unteroffizier in der Leibschwadron der Blücherhusaren Friedrich Stephan, mitunter auch Stephani(y) genannt. Nach den Stammrollen der Blücherhusaren stammte er aus Drisdnow oder Drisnow in Schwed. Pommern 1  Es hat sich aber bisher trotz zahlreicher Nachfragen nicht mit Sicherheit feststellen lassen, welcher Ort hiermit gemeint ist. Unter seinem eigentlichen Namen taucht Friedrich Stephan erstmals am 20.V.1784 im lutherischen Garnisonkirchenbuch in Stolp auf, als er mit Justina Christine Rach getraut wird. Gleichzeitig findet sich im reformierten Kirchenbuch das Aufgebot. Justina Christine Rach war reformiert, während Stephan lutherisch war. Stephan war 1780 Unteroffizier geworden, 1806 wurde er ins Depot gesetzt und starb in Stolp am 29. Juli 1814, wobei ein Alter von 77 Jahren 2 Monaten angegeben ist, dürfte also um 1737 geboren sein. Dabei ist vermerkt, daß er 53 Jahre gedient habe, was auf das Jahr 1761 als Jahr seines Diensteintritts schließen läßt. Als Todesursache ist Schwachheit, also wohl Altersschwäche angegeben.

Ich sagte oben ″… unter seinem eigentlichen Namen tauchte er erstmals 1784 in den Kirchenbüchern auf″. Nach den Stammrollen war er seit 1780 Unteroffizier und es gab nur diesen einen Unteroffizier Stephan in der Leibschwadron. Nun erscheint aber im Garnisonkirchenbuch sowohl wie im Marienkirchenbuch ein Unteroffizier Gottfried Stephan im Jahre 1783, als am 19.V. seine Frau stirbt. Wenn man schon voraussetzt, daß die Kirchenbuchführung in Ansehung der Genauigkeit der persönlichen Angaben nicht auf besonderer Höhe gewesen ist, so wird man doch wohl annehmen müssen, daß namentlich dem Garnisonpfarrer die militärische Charge auf alle Fälle geläufig gewesen ist, so daß er nicht einen Husaren als Unteroffizier in das Kirchenbuch eingetragen hat. Ich komme danach nicht um den Schluß herum, daß der Friedrich Stephan nach 1784 mit dem Gottfried (auch Ernst Gottfried) Stephan vor 1784 identisch ist. Freilich ergibt das auch nur einige trockene Daten und liefert zum Wesen der Persönlichkeit wenig neues. Ernst Gottfried Stephan taucht mit der Herkunftsbezeichnung ″aus Demmin″ und mit dem Zusatz ″gewesener Amtsschreiber bei Herrn Kapitän von Heyde zu Kartlow″ (bei Demmin) als Husar der Leibschwadron erstmalig im Stolper Garnisonkirchenbuch 1765 auf, als er am 13.I. mit Anna Maria Justina Mietling, der Tochter eines Kunst- und Damastwebers aus der Altstadt Stolp, getraut wird. Aus der Ehe gingen anscheinend zwei Kinder hervor, deren Verbleib sich aber nicht weiter nachweisen läßt. 1783 starb, wie gesagt, die Frau und 1785 verheiratete er sich als Friedrich Stephan wieder.

Die nach Demmin weisende Spur hat aber ebenso wenig zu einer Aufklärung über die weiteren Vorfahren geführt wie die Drisdnower. In Trissow Kr. Grimmen, das vielleicht in Frage kommt,  lebte in den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts ein Statthalter Steffen. Da aber die Kirchenbücher erst von 1740 ab erhalten sind, hat sich nicht feststellen lassen, ob etwa dieser Statthalter Steffen der Vater des Unteroffiziers gewesen ist. In Demmin lebte in dieser Zeit ein Fischer namens Steffen.

Die Geburt eines Sohnes mit dem Namen Friedrich oder Ernst Gottfried hat sich aber auch nicht auffinden lassen.

Wenn nicht ein glücklicher Zufall zu Hilfe kommt, wird es wohl bei diesem dürftigen Ergebnis bleiben müssen. Irgend etwas über die persönlichen Eigenschaften des Unteroffiziers Friedrich Stephan wird man jedenfalls kaum noch erwarten können.

Erheblich günstiger liegt es da bei seiner Frau, der Justina Christine Rach. Sie war in Stolp am 9. Juni 1753 geboren als Tochter des (lutherischen) Stadtgildemeisters und Schneiderältermanns Gottfried Rach und der (reformierten) Charlotte Louise.  Das Ehepaar hatte sich so geeinigt, daß es seine 5 Töchter reformiert und seine 5 Söhne lutherisch hatte taufen lassen. Gottfried Rach war ein recht angesehener Bürger, und ein Abglanz davon wird wohl in ihrer Jugend auch auf seine Tochter gefallen sein. Aber sie hatte offenbar unruhiges Blut und ließ sich in ein Abenteuer ein. Sie war von 1775 bis 1779, vielleicht auch schon vorher und auch noch nachher, die Geliebte eines Offiziers der Bellinghusaren, des Otto Ludwig von Versen, der 1770 als Junker eintrat und um 1800 als Stabsrittmeister ausschied. Aus dieser Verbindung stammten 2 Kinder, Beata Sophia Friederike, * am 24.VIII.1776, die am 21.IV.1837 unter dem Namen Beata Sophia Friederike Stephan im Hause ihres Stiefbruders, des Vaters des Generalpostmeisters, starb, und Constantine Henriette Wilhelmine, * am 9.VII. 1779, über deren Verbleib sich nichts hat ermitteln lassen.

Wie man diese Beziehungen beurteilen soll, läßt sich heute schwer sagen. Ich halte es für nicht ganz ausgeschlossen, daß sie ein verunglückter Versuch waren, in höhere Schichten aufzusteigen, besonders wenn man bedenkt, wie sehr Friedrich der Große seinen Offizieren das Heiraten erschwerte. Man denke auch daran, daß noch das Allgemeine Landrecht ausführliche Bestimmungen über die Ehe zur linken Hand enthielt (§§ 835 II 1). Auffallend ist jedenfalls, daß sich beide Teile kurz nacheinander verheirateten. 1784 fand sich Justina Christine Rach mit dem Unteroffizier Stephan ab, und 1786 heiratete Versen ein Fräulein von Kleist, eine Ehe, die nach 19 Jahren wieder geschieden wurde. Aus der Ehe der Justina Christine Rach mit dem Unteroffizier Stephan stammten 4 Kinder, die sämtlich reformiert getauft wurden, was vielleicht als ein Anzeichen für ein gewisses Überwiegen des Einflusses der Frau angesprochen werden kann. Sie überlebte übrigens ihren Mann um 21 Jahre und starb am 8.VI.1837 im Alter von 84 Jahren an Altersschwäche. Das Leben ist ihr nicht leicht gemacht worden, denn die letzten 37 Jahre ihres Lebens ist sie blind gewesen. Von ihren Kindern überlebte sie nur ihr Sohn, der Vater des Generalpostmeisters.

Die Familie Rach, aus der Justina Christine Rach stammte, geht vermutlich auf den fürstlich Croyschen Ziegler Thomas Rach in Groß-Brüskow bei Stolp zurück, der in einigen Urkunden gegen Ende des 17. Jahrhunderts erwähnt wird.

Ein Nachweis, daß der Großvater der Justina Christine, der Stolper Stadtziegler Johann Friedrich Rach, ein Sohn des Thomas Rach gewesen ist, hat sich allerdings nicht erbringen lassen. Johann Friedrich Rach erscheint erstmalig am 24.II.1710 im Marienkirchenbuch zu Stolp, als sein Sohn Gottfried, der Vater der Justina Christine, getauft wird. Außer diesem Sohn sind noch die Taufen von 4 weiteren Söhnen im Marienkirchenbuch verzeichnet, von denen allerdings nur zwei herangewachsen zu sein scheinen. Verheiratet war Johann Friedrich Rach mit Anna Albrecht, wobei zu bemerken ist, daß Albrecht noch heute ein häufiger Familienname in Groß-Brüskow ist. Das Datum der Trauung hat sich nicht feststellen lassen; auch steht nicht mit Sicherheit fest, daß Anna Albrecht die Mutter des Gottfried Rach gewesen ist, da sie erst 1714 das erste Mal erwähnt wird.

 

Heinrich von Stephan

Heinrich von Stephan, Porträt aus E. Krickeberg: Heinrich von Stephan, Dresden, 1897

Die beiden Ehegatten starben kurz hintereinander: Anna Albrecht am 18.XI.1748, 66 Jahre 2  Monate alt, Johann Friedrich Rach am 31.X.1749, 69 Jahre 8 Monate 21 Tage alt. Wir wissen nicht viel von den beiden, aber soviel läßt sich sagen, daß es Leute waren, die aufwärts strebten. Auffällig ist schon, daß als Paten ihrer Kinder fast ausschließlich Personen aus der obersten Schicht der Stadt Stolp erscheinen. Noch mehr aber spricht für das Aufstreben der Lebenslauf ihrer Kinder. Der jüngste Sohn Michel, * 1718, starb (ohne Nachkommen) 1758 als Mitglied der Bernsteinhändlerzunft, der zweitvornehmsten Zunft von Stolp, in die hineinzukommen immerhin nicht ganz leicht war. Der Zweitjüngste, Joh. Friedrich Rach, * 1716, wurde gar Mitglied der vornehmen Gewandschneiderzunft, in die aufgenommen zu werden noch bedeutend größere Schwierigkeiten machte. Er war Kaufmann und hat offenbar das Geschäft sehr gut verstanden. Im siebenjährigen Kriege hat er einen guten Teil der Geldgeschäfte der Stadt erledigt und dabei sicherlich nicht schlecht verdient; denn obwohl er unmittelbar nach dem siebenjährigen Kriege, nämlich am 2.V.1763 starb, scheinen seine Vermögensverhältnisse doch recht gesichert gewesen zu sein. Seine Tochter Dorothea Sophie heiratete den Kaufmann Christian Benjamin Hering, den reichsten Mann von Stolp. Ihre Tochter Albertine Sophie gelangte dann in den Adel, indem sie den Stolper Husarenoffizier (später Generalmajor) Georg von Schoenermarck heiratete, und wurde die Großmutter des Generalfeldmarschalls Grafen Haeseler, der also Ahnengemeinschaft mit Stephan hat.

Nicht ganz so steil war der Aufstieg von Johann Friedrich Rachs ältestem Sohn Gottfried, dem Ahnen Stephans. Er erlernte das Schneiderhandwerk, wurde 1731 beim Stolper Schneidergewerk Meister, 1742 Ältermann und 1764 Stadtgildemeister, d. h. Vorsteher der Gesamtheit der Gewerke, womit er auch an der Verwaltung der Stadt in gewissem Umfang beteiligt war. Er behielt dieses Amt bis an seinen Tod, den 30.X.1778 (er starb an einer ″Brustkrankheit″.)

Von ihm ist nun ein immerhin ansehnlicher schriftlicher Nachlaß in dem Protokollbuch der Stolper Schneiderinnung erhalten, der ein gewisses Bild von seinem Wesen gibt. Offenbar war er schon von seinem Eintritt an die Seele des ganzen Gewerks. Er war recht schreiblustig, hielt sehr auf Ordnung, hatte eine gewisse Neigung zum Historischen, vervollständigte z. B. eigenhändig die Eintragungen über die Meisterwerdung der Einzelnen durch biographische Notizen über ihren weiteren Lebenslauf, stellte dabei auch sein eigenes Licht nicht unter den Scheffel. Seine Schrift ist für seine Zeit und seinen Stand außerordentlich gewandt, seine Orthographie und seine Satzbildung weit über dem Durchschnitt. Er streut gern Fremdwörter ein, auch halbe lateinische Sätze, und zwar gewöhnlich in richtiger Schreibweise. Die Protokolle nahmen unter ihm eine zweckmäßigere und klare Fassung an. Er ist der Erste, der sie mit seinem Namen unterschreibt.

Es ist in ihm ein starker Aufstiegswille zu erkennen, der – angesichts des Aufstiegs seiner Brüder – unbedenklich als Erbteil von den Eltern her aufgefaßt werden kann und sich wohl auch über die Tochter und den Enkel auf seinen großen Urenkel Stephan vererbt hat.

Seine Ehe mit Charlotte Louise Stahl bedeutete nun überdies eine interessante Blutmischung. Charlotte Louise Stahl war am 13.I.1721 in Stolp als Tochter des Schneidermeisters und Diakons  der reformierten Gemeinde in Stolp Conrad Stahl geboren. Die Familie Stahl stammte aus Zerbst. Von dort war Johann Stahl um 1690 nach Stolp als Kantor der reformierten Gemeinde  eingewandert. Er starb aber schon 1693. Verheiratet war er mit Anna Elisabeth Krämer (gestorben am 8.V.1716 zu Stolp), deren Herkunft sich nicht hat ermitteln lassen. Johann Stahls Sohn, Conrad Stahl, der Vater der Charlotte Louise Stahl, war vor der Stolper Zeit seines Vaters geboren, aber anscheinend nicht in Zerbst, sondern nach dem allerdings in diesem Falle kaum leserlichen  Protokollbuch der Schneiderinnung zu Stolp in ″Dorghoum″. Eine gewisse Vermutung spricht dafür, daß sich hinter dieser Ortsbezeichnung Tochheim bei Zerbst verbirgt, vielleicht auch Tucheim (Bez.  Magdeburg); aber dort angestellte Forschungen haben zu keinem Ergebnis geführt. Überhaupt       ist der Lebenslauf des Conrad Stahl nicht ganz aufgeklärt. Nach dem Protokoll über seine  Meisterwerdung in Stolp soll er in Berlin das Schneiderhandwerk erlernt haben. Jedenfalls wurde er  am 16.II.1715 Meister, dann an einem nicht festzustellenden Termin auch Ältermann. Er starb am  26.V.1743, die Todesursache ist nicht bekannt.

Verheiratet war er mit Maria Elisabeth Glintz aus Stargard. Deren Familie stammte nun gar aus der Schweiz. Sie geht zurück auf den reformierten Sattler Heinrich Glintz, * in St. Gallen am 11.XII.1615 und + in St. Gallen am 11.XI.1707. Er hatte vor 1644 Magdalene Müller, über die Näheres nicht bekannt ist, geheiratet. Sein Sohn aus dieser Ehe, Conrad Glintz, * am 13.IV.1644 in St. Gallen, ließ sich, nachdem er anscheinend vorher schon länger in Greifswald (?) oder Gardelegen (?) gewesen war, als Sattler in Stargard in Pommern nieder, wurde dort Bürger und Meister und heiratete im März 1696 Anna Brigg, dem Namen nach offenbar eine Einheimische. Er starb in Stargard am 15.IV.1710, wahrscheinlich an der Pest. Seine anscheinend einzige Tochter aus dieser Ehe war Maria Elisabeth, * den 1.XII.1696 in Stargard, die am 6.VI.1716 in Stargard den Meister Conrad Stahl heiratete. Sie starb am 9.VI.1741 zu Stolp; die Todesursache ist nicht angegeben.

Bei aller Vorsicht, die in der Beurteilung wegen des geringen Umfanges des vorliegenden Materials geboten ist, wird es doch wohl nicht abwegig sein, wenn man auf die Mischung von Erbanlagen so verschiedener Herkunft, wie sie in Gottfried Rach und seiner Ehefrau Charlotte Louise Stahl sich zusammenfanden, das Unruhige, aus dem Rahmen der Tradition Herausfallende ihrer Tochter Justina Christine zurückführt. Es entspricht dies nur der auch sonst gemachten Erfahrung der Familienforschung, daß die Mischung verschiedenartiger Elemente beim Mischungsprodukt gewöhnlich zu einer gewissen inneren Unsicherheit, meistens allerdings auch zu einer besonderen Beweglichkeit des Geistes den Anlaß gibt, und für das Letztere sprechen ja auch bei Justina Christine Rach der Lebensgang ihres Sohnes und ihres Enkels.

Zusammenfassend läßt sich jedenfalls sagen, daß zum mindesten der Aufstiegswille in dem Generalpostmeister ein Erbteil aus der Familie Rach gewesen sein dürfte. Die ungewöhnliche Lebhaftigkeit und Wendigkeit des Geistes dürfte wohl auf die starke Blutmischung, aus der Stephan hervorgegangen ist, zurückgehen. Sonstige Nachweisungen über vererbte Eigenschaften lassen sich nicht erbringen, insbesondere scheint die Zuckerkrankheit, an welcher Stephan am 8.IV.1897 in Berlin gestorben ist, kein Erbteil der Vorfahren zu sein. Sie ist wohl mehr eine Folge seiner dienstlich wie gesellschaftlich aufreibenden Lebensweise gewesen.

Es bleibt noch kurz auf Stephans Geschwister, seine Ehen und seine Nachkommen einzugehen. 3 Geschwister starben im Kindesalter, ein Bruder, Georg Friedrich Ludwig, starb 1841, 21jährig, als Protokollführer an Lungenentzündung (Schwindsucht), der andere, Hermann Carl Eduard, 1865 32jährig als Wirtschaftsinspektor am Nervenfieber, beide unverheiratet. Von den Schwestern heirateten Wilhelmine Christine Sophie den Kaufmann Asmy in Bütow, Marie Luise Charlotte den Königl. Kreisgerichtssekretär Kauffmann in Stolp, Dorothea Helene Agathe den Pastor Bartholdy in Wintershagen. Aus allen 3 Ehen sind Kinder und Enkel hervorgegangen, die zum Teil noch heute leben. Die letzte Schwester, Luise Auguste Amalia, starb unverheiratet 1907 in Stolp.

Der Generalpostmeister selbst heiratete in erster Ehe zu Hannover am 16.VII.1855 die Sängerin Anna Tomala (* zu Bonyhad in Ungarn am 18.X.1827, + in Berlin am 22.V.1862), in zweiter Ehe  zu Berlin am 24.IX.1863 Elisabeth Balde (* Berlin 13.VIII.1841, + Potsdam am 5./6.II.1926); ein Auszug aus der Ahnentafel der letzteren findet sich Seite 101/102 des Verbandsblattes der Familien Glasey, Hasenclever, Mentzel und Gerstmann, 18. Jahrgang, No. 47/48 vom 1.IV.28.

Aus der ersten Ehe ging ein Sohn, aus der zweiten Ehe ein Sohn und drei Töchter hervor. Eine Tochter starb im Kindesalter, die beiden Söhne starben unverheiratet, die Ehen der beiden Töchter sind kinderlos geblieben. Wir haben also auch hier ein Beispiel für das so oft beobachtete Erlöschen einer Aufstiegsfamilie, nachdem sie den Gipfel erklommen hat.

 

Geschwister und Nachkommen des Probanden.

 a) Geschwister (in Stolp geboren):

  1. Georg Friedrich Ludwig, * VIII.1820, + 5.VII.1841 Stolp, Protokollführer.
  2. Tochter 4.VIII.1820 (1. u. 2. Zwillinge).
  3. Franz Gustav Theodor, * 12.V.1822, + VII.1831.
  4. Wilhelmine Christine Sophie, * 9.V.1824, oo I.1844 Stolp Heinrich Sebastian Ferdinand Asmy, Kaufmann in Bütow, o|o, + 9.VII.1901 Stolp.
  1. Bertha Maria Amalie, * IX.1826, + 19.XII.1826.
  2. Henriette Louise Florentine, * I.1828, + 28.II.1828.
  3. Maria Charlotte, * IV.1829, oo 23.VII.1852 Ludwig Wilhelm Kauffmann, Kreisgerichtssekretär in Stolp. Lebte 1901 in Charlottenburg.
  4. Ernst Heinrich Wilhelm v. Stephan, * I.1831, + 8.IV.1897.
  5. Hermann Carl Eduard, * XII.1833, + 31.III.1866, Wirtschaftsinspektor.
  6. Dorothea Helene Agathe, * VIII.1835, oo 10.VIII.1858 Stolp Carl Gustav Rudolph Bartholdy, Pastor in Wintershagen, + 14.III.1874 Wintershagen.
  7. Louise Auguste Amalie, * X.1837, + 31.V.1907 Stolp.

b) Kinder:

  1.  (erster Ehe) Heinrich Friedrich, * VI.1858, + Chemnitz 13.II.1912, Direktor der Theater- und Musikschule in Chemnitz, Reg.-Referendar a. D.
  2. (zweiter Ehe) Anna Ida Luise, * Berlin 26.VII.1864, oo Berlin 27.X.1892 Rudolf v. Napolski, Generalleutnant a. D. (o|o Berlin 25.I.1921), II. 1921 Adolf Bürhaus (o|o 1929).
  3. Fritz Otto, * Berlin X.1865, + Berlin 12.X.1905, Leutnant a. D. (zuletzt im F.A.R. 2 in Stettin), dann auf einer Kaffee-Plantage in Guatemala.
  4. Ida Martha Kamilla, * Berlin XII.1869, + Berlin 20.IV.1873.
  5. Else Ida Marie, * Berlin VI.1874, oo 21.IV.1914 Gustav Emil Wannow, Direktor des Tattersalls am Kurfürstendamm in Berlin, * Fischerbabke 8.XI.1863 [kinderlos].

Quellen: Allgemeine Deutsche Biographie Bd. 54 (1928);

Oskar Große, Stephan. Vom Postschreiber zum Minister. Mit 4 Bildtafeln, Berlin 1931; Adeliges Taschenbuch (Briefadel) 1915 und 1929;

Richard Wannow, Geschichte der Familie Wannow (Wannovius), Görlitz 1928 [S. 142 f.].

 

Außer von der Stadt Stolp, die die Kosten der Forschung getragen hat, bin ich von so vielen Seiten bei der Forschung unterstützt worden, daß es mir nicht möglich ist, jeden einzelnen der freundlichen Helfer zu nennen; ich muß mich mit einem Gesamtdank an alle begnügen. – Die Unterlagen habe  ich beim Stadtarchiv in Stolp niedergelegt.

Ahnentafel aus dem Artikel

Ahnentafel aus dem Artikel

 

  1.  Großes Angabe, daß Friedrich Stephan aus einer Danziger Schifferfamilie stammte, bin ich nachgegangen, aber ohne Erfolg. In den Danziger Kirchenbüchern jener Zeit kommt der Name überhaupt nicht vor. Trotzdem dürfte diese Angabe – sie ist Familientradition – irgend einen wahren Kern wohl enthalten.