Jetzt schimmelt es in Greifswald

Henry Winkles Greifswald Marktplatz von Südwesten

Greifswald, Marktplatz von Südwesten um 1840 (Nach einer Zeichnung von Johann Gabriel Friedrich Poppel)


Aus dem Stadtarchiv Greifswald kommen jetzt – nach der Katastrophe in Stralsund – die nächsten vorpommerschen Hiobsbotschaften über Schimmelbefall.
Laut einer Pressemitteilung der Stadt ” trat im September 2012 Schimmelpilzbefall auf Archivalienverpackungen wie Kartons und Schürzen in einem Magazin in der Arndtstraße auf, der sich seitdem langsam ausbreitet. Auch mehrere Regalböden sind befallen.”…
“Außerdem weise ein relativ geringer Teil des Archivguts ältere Feuchtigkeitsschäden und Schimmel auf. Dabei handelt es sich zum Teil um vorgeschädigte Archivalien mit abgestorbenen Schimmelpilzkulturen. Für ein Archiv mit jahrhundertealten Beständen sei das jedoch nicht ungewöhnlich und liege im normalen Rahmen, so das Kulturamt. Seit Jahren wird dieses Archivgut entsprechend der vorhandenen Haushaltsmittel schrittweise dekontaminiert und restauriert. Jährlich gibt die Stadt dafür zwischen 10.000 und 20.000 Euro aus, seit 2008 insgesamt 70.200 Euro. Von dieser Summe wurden 12.500 Euro durch das Land gefördert.”

Im Stadtarchiv Greifswald befindet sich ein großer Bestand an Pomeranica. darunter die ehemalige Ratsbibliothek und die Odebrechtsche Bibliothek (siehe Handbuch der historischen Buchbestände)
Das Stadtarchiv beschreibt sich selbst: “Das Stadtarchiv ist das „Gedächtnis der Verwaltung“. Es verwahrt die schriftlichen Zeugnisse der Geschichte der Universitäts- und Hansestadt Greifswald seit dem 13. Jahrhundert. Aus dem Ratsarchiv hervorgegangen, wurde das Stadtarchiv in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstmals systematisch geordnet und seit den 1950er Jahren als Stadtarchiv neu aufgebaut. 1954 wieder hauptamtlich besetzt, bezog das Stadtarchiv Mitte der 80er Jahre sein heutiges Domizil in der Arndtstraße.”

Stadtarchiv Greifswald

Stadtarchiv Greifswald-Quelle Kulturamt der Stadt Greifswald

 

Zu klein, zu feucht – dass der Standort in der Arndtstraße nicht geeignet ist, ist schon länger bekannt in Greifswald. Es gab Überlegungen zu einem Umzug in einen Neubau oder ein renoviertes Gebäude, zwei Standorte waren im Gespräch: zum einen “An den Wurthen”, (Entwurf der Architekten) zum anderen in der Innenstadt die Alte Feuerwache in der Baderstr.

Greifswald Alte Feuerwehr 1Obwohl die Stadt Greifswald jetzt für 2013 nach Bericht der Ostseezeitung vom 5/6. Januar 2013 ein Riesenpaket an Baumaßnahmen  in Angriff nimmt (21 Millionen sollen ausgegeben werden),  ist der Umzug des Stadtarchives bisher leider nicht in der konkreten Planung.

 

Das Stadtarchiv ist übrigens nicht das einzige bedrohte Kulturgut: Auch die Universitätsbibliothek scheint Probleme zu haben, im Dezember 2012 bat sie dringend um die Rückgabe schimmelbelasteter Bücher aus der Fachbibliothek Pädagogik/Psychologie. Diese waren zur Entsorgung in einem Transportcontainer gelandet und hatten daraus wohl interessierte Abnehmer gefunden.

Und die archäologischen Schätze aus dem Bundesland schimmeln auch: Wie Ende Dezember der Leiter des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege, Michael Bednorz mitteilte sei derzeit nicht einmal bekannt, welche Kulturgüter sich wo genau befänden und in welchem Zustand sie seien. Verschimmelte Notdepots werden derzeit ausgeräumt und die Fundstücke in einem Industriegebäude in Schwerin untergebracht.  Ein Museum wird es in absehbarer Zeit nicht geben, derzeit gelte: Retten und Bergen gehe vor Ausstellen.

Auch 2010 waren die Notdepots in den Schlagzeilen,  besonders bekannt wurde der Fall der Einbäume von Stralsund.

Derzeit werden die betroffenen Archivalien aus dem Stadtarchiv Greifswald dekontaminiert und in einem Depot an der Siemensstraße untergebracht. Hoffen wir, dass auch gerade durch den Archivskandal in Stralsund und den dadurch entstandenen öffentlichen Druck,  die Bürgerschaft in Greifswald sich zu einer schnellen Entscheidung für einen neuen Standort des Archivs durchringt, denn bis das neue Gebäude einzugsbereit ist, kann noch vieles schimmeln in Vorpommern.
M.Ott