Familienforschung von und mit Kindern und Jugendlichen

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Mutter und Tochter lesen Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-20728-0003 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons

Zur Ideenwerkstatt der DAGV im April diesen Jahres hatten wir (d.h. interessierte Genealogen auch außerhalb des Vereins)  einen Vorschlag eingebracht, der Möglichkeiten aufzeigt, wie man auch junge Leute für die Familienforschung begeistern könnte.  Dieser Vorschlag wurde auf der Ideenwerkstatt diskutiert, mündete aber noch nicht in der Aufstellung einer Arbeitsgruppe.  Da ist es umso erfreulicher, dass das Thema in der neuen Ausgabe der DAGV-News – Mitteilungen der Deutschen Arbeitsgemeinschaft genealogischer Verbände e. V. erneut kompetent aufgegriffen wurde. Mit Erlaubnis der Autorin Freya Rosan dürfen wir den Artikel auch hier veröffentlichen und zur Diskussion stellen.

 

Familienforschung von und mit Kindern und Jugendlichen – eine Aufgabe für Familie, Schule und Vereine von Freya Rosan

So sieht es aus!
Wer kennt das nicht? Ob nun im Archiv, vor den Lesegeräten bei der Sichtung verfilmter Kirchenbücher oder in den genealogischen Vereinen selbst- man trifft als Familienforscher fast ausschließlich auf „ältere Herrschaften“. Ungewöhnlich? Wohl nicht! Der Verein für pommersche Familien- und Ortsgeschichte, der Pommersche Greif e. V., hat festgestellt, dass das Durchschnittsalter bei den genealogischen Vereinen bei über sechzig Jahren liegt und dass nur 0,2 % aller Mitglieder jünger als dreißig Jahre alt sind. Wo die Ursachen zu suchen sind, darüber kann man nur spekulieren. Aber dass es wichtig ist, dass Kindern und Jugendlichen die Genealogie näher gebracht wird und dass Vereine der Überalterung entgegenwirken müssen, steht außer Frage.
Und obwohl Familienforschung boomt, gibt es in Deutschland und seinen Vereinen kein spezielles Angebot für junge Leute. Der Pommersche Greif e. V. schreibt: „Manche Vereine haben einen veralteten oder gar nicht vorhandenen Internetauftritt, nur eine Handvoll Vereine sind in den sozialen Netzwerken vertreten…. Dabei wären junge Leute mit ihren Computerkenntnissen und ihrem unbekümmerten Umgang mit der Technik (digital natives) auch für die älteren Mitglieder ein Gewinn.“
Was kann man also tun, das Interesse für die Familienforschung nachhaltig zu
wecken?
Wenn ich an mich denke oder wenn man passionierte Familienforscher fragt, wie sie an die Familienforschung „geraten“ sind, berichten viele, dass die Impulse meist in der Kindheit gegeben wurden. Oft waren es die Großeltern, die vom Leben früher und den Menschen und der Zeit, in der sie lebten, anschaulich erzählten. Einige tauchten durch spannenden Geschichtsunterricht in eine ferne und unbekannte Welt ein. Bei mir bewirkten Elternhaus und Schule, dass ich mir damals viele Aufzeichnungen machte – ein reicher Fundus, der mir sehr half, als mich nach vielen Jahren Berufstätigkeit und Familienleben wie so viele das Familienforscherfieber packte. Was kann man also tun, das Interesse für die Familienforschung bei Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu wecken?
In der Familie – Kinder als „Familiendetektive“
• Zeigen Sie alte Gegenstände, Bücher und Fotos und erzählen Sie Geschichten dazu.
Kinder lieben Geschichten, sie müssen aber lebendig und spannend sein, damit sie
im Gedächtnis haften bleiben.
• Stellen Sie Vergleiche zwischen früher und heute an, z. B. Schule, Spiele, Kleidung,
Arbeit, Jahresfeiern…
• Richten Sie ein „Familienmuseum“ ein. Dies ist eine Sammlung von Erinnerungsstü-
cken, z. B. Spielzeug, Poesiealbum, Schmuck, Briefe, Haarlocke, Füller… und versehen Sie alles mit den Namen der Besitzer.
• Richten Sie eine „Ahnengalerie“ ein. Das ist eine Sammlung von Urkunden, Fotos,
Stammbücher, Pässe, Landkarten, Portraits…
• Durch Interviews können Kinder hilfreiche Informationen der Familienmitglieder sammeln. Es macht Spaß, so eine „Familienstatistik“ anzufertigen.
• Bitten Sie Verwandte, Erinnerungen für die Kinder aufzuschreiben.
• Erstellen Sie mit Ihren Kindern oder Enkeln ein einfaches Personenblatt.
• Gestalten Sie selbst Familienforschung als Rate- und Puzzlespiel – Kindern wird so
spielerisch deutlich, dass Familienforschung ein Puzzlespiel mit vielen Geheimnissen
ist.
• Um die Fragen „Wo komme ich eigentlich her?“ und „Von wem habe ich das nur?“
herum können Sie anhand von Familiengeschichten viel erzählen und erklären.
• Online Forschung weckt im Zeitalter der neuen Medien bei Kindern und Jugendlichen
großes Interesse. Forschen Sie hier gemeinsam!
• Gehen Sie mit Ihren Kindern oder Enkeln in Bibliotheken, Museen und Archive!
• Begeben Sie sich auf „Spurensuche“ und besuchen Orte, an denen die Vorfahren
lebten, z. B. Haus, Schule, Arbeitsstelle, Kirche, Friedhof…
• Planen und machen Sie gemeinsame Familienreisen und Familienfeste!
• Ermöglichen Sie Einblicke in Ihre eigenen Forschungen, denn alle lernen mit- und
voneinander!
In der Grundschule – Kinder als „Familienforscher“
Im Lehrplan ist vorgesehen, dass im Sachunterricht, Lernbereich Geschichte, die Themen
„Ich und meine Familie“ und „Kindheit früher und heute“ behandelt werden können. Man sollte sich ruhig einmischen und Lehrer ansprechen, ob nicht diese Themen im Unterricht behandelt werden können, finde ich. Auch kann man in dem Zusammenhang seine Unterstützung anbieten. Schulen sind oft froh, Fachleute im Unterricht zu haben, denn sie geben neue Impulse und repräsentieren eine ganz andere Seite des Lernens. Gut geeignet um erste Familienforschungen zu betreiben, sind auch Arbeitsgemeinschaften und Projekte. Auch hier ist Elternengagement angesagt, denn wir können nicht voraussetzten, dass sich Lehrer in eine völlig fremde Materie einarbeiten. Möglich ist sicherlich auch, im Rahmen eines Angebots einer Ganztagsschule eine eigene Arbeitsgemeinschaft „Familienforschung“ durchzuführen. Allerdings ist es ratsam, vorab einen Elternabend zu veranstalten, um zu klären, in welcher Form Persönliches öffentlich gemacht werden darf oder nicht. Im Unterricht der Grundschule könnte man dann
• eine erste kleine „Familienstatistik“ anfertigen
• eine eigene Ahnentafel, Stammbaum und Familienchronik erstellen
• den eigenen Familiennamen, seine Entstehung und Bedeutung erforschen
• etwas über Familienwappen, Entstehung und Darstellungsformen lernen und ein eigenes Wappen erstellen
• eine alte Schrift lernen
• alte Texte, Märchen und Fabeln lesen und vorlesen
• gemeinsam spielen, kochen und sich kleiden wie in alten Zeiten
• entsprechende Rollenspiele oder ein Theaterstück inszenieren
• eine Ausstellung mit alten Sachen machen und den Nutzen erklären
• Zeitzeugen, die von früher berichten können, einladen
• schließlich die Ergebnisse präsentieren, wobei man dann die Eltern, den Kindergarten, andere Klassen und die Presse einladen kann.

Und in den weiterführenden Schulen?
Wer kennt nicht den meist tödlich langweiligen Geschichtsunterricht, in dem Zahlen und Fakten gepaukt werden, ohne dass er für die Schüler und Schülerinnen bedeutsam ist. Vieles wird deshalb schnell wieder vergessen. Wie packend könnte Zeitgeschichte aber sein, wenn sie im Kontext der eigenen Familien- oder Ortsgeschichte gelernt würde! Meine Idee ist, beides zu kombinieren, wobei die eigene Familienforschung hier eine bedeutende Rolle spielen könnte. Generell muss man in dem Zusammenhang sagen, dass Familienforschung im Vergleich zur Grundschule natürlich auf höherem Niveau stattfinden muss. Auch hier können Eltern und Familienforscher anbieten, ihr reichhaltiges Fachwissen einzubringen um gemeinsam mit der Lehrkraft eine Unterrichtseinheit zum Thema „Familienforschung“ zu planen und durchzuführen. Ganztagsschulen haben Angebote am Nachmittag, die häufig von Vereinen und Privatpersonen gemacht werden. Eine weitere ideale Möglichkeit, Genealogie an Kinder und Jugendliche heranzutragen! Der Pommersche Greif e. V. fordert in diesem Zusammenhang, dass es „wünschenswert wäre, wenn es eine grundlegende Handreichung mit Basismaterialien und –ideen gäbe, auf die Eltern zurückgreifen könnten“ und fordert gleichzeitig dass der Bundesverband DAGV diese Aufgabe übernehmen könnte. Ich kann diese Forderung nur unterstützen. Natürlich können die Themen für die Grundschule auch in den weiterführenden Schulen vermittelt werden, darüber hinaus sind meiner Meinung nach zusätzlich
folgende Inhalte möglich:
• Theorie zur Genealogie und ihren Hilfswissenschaften
• Aufbau von Ahnentafeln und Stammbäumen mit Beispielen
• Verwendung der Kekule – Nummern
• Kennenlernen einiger Beispiele von Orts- und Familienchroniken
• Archiv-, Museums- und Bibliotheksbesuche
• Nutzung von einschlägiger Fachliteratur und Zeitungen
• Quellen zur Familiengeschichtsforschung, wie Kirchenbücher, Ahnenpässe, Familienstammbücher, „Arische Nachweise“, Standesamtsunterlagen, Adress- und Telefonbücher, Ortsfamilienbücher, Seelenlisten … • Internetrecherche
• Kennenlernen verschiedener Dokumentationsverfahren, wie Sammlungen, Datenblätter, PC- Programme…
• Präsentation der Lernergebnisse vor Publikum (Monatsfeier, Ausstellung…)
• Erlernen einer alten Schrift und Lesen entsprechender Texte
• Entwicklung und Durchführung einer Inszenierung
• Herstellung eines Videos oder Films
• Durchführen einer Klassenfahrt mit entsprechendem Hintergrund

Nachwuchsförderung als Aufgabe für Vereine
Die meisten Vereine kennen das Problem der Überalterung, nicht nur die Familienforscher!
Auf dem letzten Seminar „Qualifizierter Genealoge“ des DAGV in Visselhövede ist dieses
Thema lebhaft diskutiert worden. Man war der Meinung, dass die Jugendarbeit in der Vergangenheit kläglich vernachlässigt worden und Vorstöße in diese Richtung oft auf Widerstand in den Vereinen selbst gestoßen sind. Ein Teilnehmer machte den Vorschlag, dass der DAGV als Dachverband, an die regionalen Vereine mit diesem Anliegen herantreten sollte.
Dass es wichtig es ist, auch junge Leute für die Genealogie zu begeistern, wird wohl kaum
jemand bestreiten. Denn sicher ist, dass eine bunte Mischung von Jung und Alt Vereinen
wichtige Impulse in jede Richtung gibt. Hier fordert der Pommersche Greif e. V. mit dem
Schlagwort „Begeisterung durch Gleichaltrige“ junge Leute in den Vereinen als Ansprechpartner zu etablieren, „dem die Anfänger Löcher in den Bauch fragen können, ohne sich beispielsweise durch dumme Fragen zu blamieren.“ Gleichzeitig wird die Einrichtung einer „eigenen Webseite mit jungem Design“ gefordert und die Gründung eines Blogs oder einer Gruppe. Ein Anfang wäre meiner Meinung nach schon, wenn die Webseiten der Vereine eine eigene gut gemachte Seite für Kinder und Jugendliche hätten. Hier ist Deutschland im Vergleich zu Ländern wie USA, Canada, Großbritannien ein Entwicklungsland. Ein aktuelles Beispiel für gut gemachte Jugendarbeit ist allerdings der „History Award“, der jährlich von der Sendung ZDF-History ausgeschrieben wird. An ihm nehmen bundesweit viele Klassen aus allen Schulstufen teil, nachdem sie sich vorher im Rahmen des Sach- und Geschichtsunterrichts mit einem Thema intensiv auseinandergesetzt haben. So hat eine 9. Klasse aus Münster zum Thema Familienforschung einen Filmbeitrag eingesandt, den man auf der Webseite
des History Award (Link siehe unten) einsehen kann. Hier ist noch mal eine Auflistung möglicher Maßnahmen:
• Benennung eines Jugendbeauftragten im Vorstand
• Benennung eines Ansprechpartners für Kinder und Jugendliche
• Spezieller Internetauftritt für junge Menschen
• Spezielle Mailingliste oder Blog
• Lexikon zum Mitmachen entwickeln wie von GenWiki
• Nutzung von Netzwerken durch Bildung von Gruppen z. B. bei facebook, Google, Stayfriends …
• Entwicklung und Bereitstellung von Material für Kinder und Jugendliche
• Entwicklung und Bereitstellung von Material für Menschen, die mit ihnen arbeiten
• Durchführung von Seminaren, Kursen und Workshops für Kinder und Jugendliche in
der Region z. B. als Ferienangebot
• Durchführung von Arbeitsgemeinschaften und Projekten in Kindergärten und Schulen
• Ausschreibung eines regionalen oder bundesweiten Wettbewerbs für Schulen
• „Werbung“ durch Pressemitteilungen und Artikel in TV, Zeitungen

Literatur und empfehlenswerte Links:
Pommerscher Greif e. V.: Papier zum Thema Nachwuchsförderung, zusammengestellt von Rainer Jakob, Timo Kracke, David Krüger, Margret Ott
http://blog.myheritage.de/2010/07/5-tipps-um-bei-kindern-interesse-an-der-ahnenforschungzu-wecken/
http://www.schule-und-familie.de/familie/familienleben-und-freizeit/ahnenforschung.html
http:/www.kracke.org/2012/07/sommertipps-fur-die-kinderfamilienforschung/
http:/www.familienforschungschwarm.de/famforschung%20kinder.html
http:/www.victoriags.org/school/index.php
http://rosevillepl.libguides.com/
http://blog.myheritage.de
http://www.history-award.de/alle-teilnehmer-2013/projekt-2-fuerstenbergschulemuenster.html
Die Autorin ist Lehrerin, Familienforscherin und Mitglied im VfFOW (Verein für Familienforschung in Ost- und Westpreußen).

3 Gedanken zu “Familienforschung von und mit Kindern und Jugendlichen

  1. Pingback: Folge #14 CompGen – Adressbücher, Familienanzeigen & Totenzettel | der Genealoge

  2. Pingback: Junge Genealogen – Genealogie | Familien Kracke & Schneider

  3. diesen Artikel von Freya Rosan finde ich ganz prima. Er zeigt Wege auf, jüngere Menschen an das Thema Familienforschung heranzubringen.
    Eine weitere Moeglichkeit sehe ich, z. b. ein Fotobuch der Familie anzulegen, wo Fotos von den Anfängen der Fotografie bis heute das Leben der Familie und deren Umgebung zeigen.
    Das zwingt auch dazu, die Bilder zu beschriften und zeitlich einzuordnen, was leider oft nicht geschehen ist und die Bilder dadurch wertlos werden.
    Dabei können Jüngere bestens helfen, wie ich selbst festgestellt habe.
    Das beschäftigt die ganze Familie, denn es sind viele Fragen zu klären.
    Aber es macht Freude und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Reinhard Kayss
    Familienforscher im Kreis Neidenburg, Ostpreussen

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